Immunbedingte Erkrankungen des Blutes
Unserer langjährigen Zuchtkommissionsvorsitzenden Frau Dr. Christa Kobe lag die folgende Problematik unserer Cocker Spaniel sehr am Herzen. Sie wollte in Zusammenarbeit mit Frau Dr. Barbara Kahn (Klinik und Poliklinik für kleine Haustiere der FU Berlin) in unserer Klubzeitschrift hierüber berichten. Leider konnte sie diese Aufgabe nicht mehr erfüllen und der Dank des Vorstandes unseres Klubs richtet sich an Frau Dr. Kahn und Frau Katrin Heise, welche im folgenden Beitrag Frau Dr. Kobes Wunsch erfüllen.

John J. Glasspool

Dr. Barbara Kahn, Katrin Heise Klinik und Poliklinik für kleine Haustiere der FU Berlin

Immunbedingte Erkrankungen des Blutes:
Autoimmunhämolytische Anämie (AIHA) und Autoimmunbedingte Thrombozvtopenie (AITP)

Im vorliegenden Beitrag sollen zwei immunbedingte Bluterkrankungen beschrieben werden, die leider häufig bei Hunden der Rasse Cocker Spaniel festgestellt wurden.

Einführung:

Die im Blut vorkommenden Zellen sind die:

  • roten Blutkörperchen (Erythrozyten), 
  • die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) 
  • und die Blutplättchen (Thrombozyten).

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    Die nichtzellulären Blutbestandteile sind Wasser, gelöste Salze, Eiweißmoleküle, Zucker und proteingebundene Fette. Der prozentuale Anteil der roten Blutkörperchen an der Gesamtblutmenge wird als Hämatokritwert bezeichnet und beträgt normalerweise 40 - 55 %. Die diskusförmig abgeflachten Erythrozyten sind mit dem Farbstoff Hämoglobin angefüllt und für den Sauerstofftransport notwendig. Ein Mangel an Erythrozyten wird als Anämie bezeichnet. Bei einem Abfall des Hämatokritwertes unter 15 % können durch Sauerstoffmangel lebensbedrohliche Organschädigungen entstehen. Die roten Blutkörperchen werden im Knochenmark gebildet und leben ca. 120 Tage. Spezielle Fresszellen, die v. a. in Milz und Leber sitzen, entfernen permanent alle geschädigten oder gealterten Blutzellen. Blutungen, Knochenmarkserkrankungen oder ein beschleunigter Abbau geschädigter oder veränderter Erythrozyten können zu einer Anämie führen. Die Blutplättchen (Thrombozyten) sind die kleinsten Blutzellen. Sie sind imstande, kleine Gefäßwanddefekte abzudichten und setzen bei Gefäßverletzungen die Blutgerinnung in Gang. Normalerweise haben Hunde 150.000 - 500.000 Blutplättchen pro µl Blut. Eine verringerte Thrombozytenzahl wird als Thrombozytopenie bezeichnet. Bei weniger als 40.000 Blutplättchen pro µl Blut kann es zu schweren Blutungen kommen, welche wiederum eine Anämie bedingen können. Die Blutplättchen werden ebenfalls im Knochenmark gebildet und nach 5 - 7 Tagen Lebenszeit von Fresszellen aus dem Blut entfernt. Ein Mangel an Thrombozyten kann durch Bildungsstörungen im Knochenmark, durch erhöhten Verbrauch bei Mikrothrombenbildung, durch krankhafte Speicherung in Milzgewebe oder durch einen beschleunigten Abbau bedingt sein.

    Das Krankheitsbild der Immunhämolvtischen Anämie:

    Bei der Hämolyse (Blutauflösung) kommt es durch schädigende Einflüsse auf die Erythrozyten zu deren Zerfall innerhalb der Blutgefäße oder zu einem beschleunigten Abbau durch Fresszellen in Milz- oder Lebergewebe. Eine direkte Erythrozytenschädigung entsteht zum Beispiel durch Aufnahme von größeren Mengen Zwiebeln oder kann durch verschiedene Bakterien hervorgerufen werden. Bei der Immunhämolytischen Anämie hingegen bildet der Organismus Antikörper (Abwehrstoffe, die eigentlich nur gegen körperfremde Eiweiße gebildet werden), die sich an die Erythrozytenoberfläche anheften und für die Fresszellen ein Signal darstellen, diese Erythrozyten abzubauen. In vielen Fällen bedingt der Antikörperbesatz eine Verklumpung der Erythrozyten (Agglutination) und eine Membranschädigung, die zu einem Zerfall der roten Blutkörperchen führt. Verschiedene Infektions- und Tumorerkrankungen, Medikamente und Impfungen können eine solche Antikörperbildung auslösen.

    Lässt sich hingegen keine Ursache für die Bildung der Antikörper finden, spricht man von einer Autoimmunbedingten Hämolytischen Anämie (AIHA). Diese Erkrankung kennt man beim Menschen und verschiedenen Tierarten. Sie tritt bei Hunden jeden Alters auf, betrifft häufiger Hündinnen als Rüden und wurde bei verschiedenen Hunderassen aber auch bei Mischlingen diagnostiziert. Aufgrund der Erkrankungshäufigkeit bei Hunden der Spanielrassen vermutet man eine erblich bedingte Empfänglichkeit (genetische Prädisposition) bei diesen Tieren.

    Erkrankte Hunde zeigen Mattigkeit, Apathie und fehlende Fresslust. Bei Betrachtung der Bindehäute der Augen, der Maulschleimhaut oder des Zahnfleisches fällt eine deutliche Blässe auf. Gelegentlich sind die Schleimhäute auch gelblich verfärbt. Der gelbe Farbstoff (Bilirubin) entsteht durch Abbau des in großen Mengen aus den Erythrozyten freigesetzten Hämoglobins. Dunkelfärbung des Harns, Fieber, Durchfall und Erbrechen können ebenfalls auftreten.

    Der behandelnde Tierarzt muss eine Vielzahl von Untersuchungen einleiten (Blutbild, Blutausstrich, Coombs‘ Test, Harnuntersuchung) um die Hämolyse als Anämieursache feststellen zu können. Informationen über kürzlich durchgeführte Impfungen, verabreichte Medikamente oder Aufenthalt des Hundes im süddeutschen oder südeuropäischen Raum (Gefahr der Infektion mit sogenannten Reisekrankheiten: Babesiose, Ehrlichiose, Leishmaniose) geben wichtige Hinweise auf die Ursache der Hämolyse. Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen dienen unter anderem dem Ausschluss einer Tumorerkrankung. Durch Serumuntersuchungen können Infektionserkrankungen (z. B. “Reisekrankheiten“, Leptospirose) nachgewiesen werden.

    Erst wenn trotz verschiedener Untersuchungen keine Ursache der Hämolyse festgestellt wurde, kann die Diagnose “Autoimmunhämolytische Anämie“ gestellt werden. Die Behandlung dieser Erkrankung erfordert die Gabe von Substanzen, welche das Immunsystem unterdrücken (z. B. Prednisolon). Bei einer ausgeprägten Anämie können Bluttransfusionen oft lebensrettend sein. Etwa ein Drittel der Hunde mit Autoimmunhämolytischer Anämie zeigen wiederkehrende Krankheitsschübe (Rezidive), so dass eine unter Umständen lebenslange engmaschige tierärztliche Kontrolle nötig ist. Etwa 30 % der Hunde überleben die Erkrankung trotz intensiver Behandlungsmaßnahmen leider nicht.

    Das Krankheitsbild der Immunbedingten Thrombozvtopenie:

    Auch bei dieser Bluterkrankung kommt es durch eine Antikörperbildung zu einem beschleunigten Abbau der Blutplättchen in Milz und Leber. Ur-sächlich hierfür können wiederum Infektionserkrankungen, Tumore oder Medikamente sein. Bei der Autoimmunbedingten Thrombozytopenie (AITP) wie bei der AIHA kann keine auslösende Grunderkrankung festgestellt werden. Hunde der Spanielrassen scheinen auch für diese Immunerkrankung eine genetische Prädisposition zu besitzen. Das kombinierte Auftreten von Autoimmunbedingter Thrombozytopenie und Autoimmunhämolytischer Anämie ist möglich und wird wie das entsprechende Krankheitsbild des Menschen als Evans‘ Syndrom bezeichnet.

    Hunde, die an einer Thrombozytopenie leiden, zeigen neben unspezifischen Symptomen (Mattigkeit, fehlender Appetit) oft Anzeichen von Oberflächenblutungen. Das sind vor allem punkt- oder flächenförmige Blutungen in Haut- und Schleimhäuten, Nasenbluten, Blutungen aus den Zahnfächern, schwarzer oder frischblutiger Kot, Einblutung in die Augen oder blutiger Harn. Oft fällt auch eine deutliche Blässe der Schleimhäute auf, die durch eine Blutungsanämie bedingt ist. Der untersuchende Tierarzt wird häufig einen niedrigen Hämatokrit (Blutungsanämie) und immer eine deutlich erniedrigte Thrombozytenzahl feststellen. Andere Erkrankungen, die ebenfalls mit einer erhöhten Blutungsneigung einhergehen (z. B. eine Rattengiftaufnahme oder eine Hämophilie) werden oft mit einer Thrombozytopenie verwechselt, verursachen aber keine deutliche Verringerung der Thrombozytenzahl.

    Da bei der Immunbedingten Thrombozytopenie keine Bildungsstörung vorliegt, sind im Knochenmark die zellulären Vorstufen der Blutplättchen in der Regel in normaler oder vermehrter Anzahl feststellbar. Durch Laboruntersuchungen kann man die an die Thrombozytenoberfläche gebundenen Antikörper nachweisen. Wie bei der AIHA sind auch bei dieser Erkrankung viele weitere Untersuchungen notwendig, um eine ursächliche Grunderkrankung (Infektionskrankheiten, z. B. Ehrlichiose, Tumorerkrankungen) auszuschließen.

    In Analogie zur Autoimmunhämolytischen Anämie wird auch die Autoimmunbedingte Thrombozytopenie mit Medikamenten behandelt, die das Immunsystem und somit die Antikörperbildung unterdrücken. Wenn die Tiere sehr stark bluten, können Bluttransfusionen lebensrettend sein. Leider kommt es auch bei dieser Erkrankung oft zu Rezidiven und häufige Kontrollen sind bei betroffenen Hunden unbedingt zu empfehlen. Die Todesrate kann bei den erkrankten Hunden bis zu 30 % betragen, sie lag bei den von uns in den letzten Jahren behandelten Patienten unter 10 %.